Nachdem ich 2016 meine 16-jährige selbständige Tätigkeit als klassischer Musiker und Musikpädagoge beendete, um in Zukunft in einer festen Anstellung meinen Lebensunterhalt zu verdienen, erlebte ich in den nachfolgenden 8 Jahren so einiges. Meine Stationen, Versuche und Erfahrungen dieser Jahre in Deutschland möchte ich hier mit den Lesern teilen.

Aus welchem Grund möchte ich das jetzt mit anderen teilen?

Der Hauptgrund meines Schreibens hier ist, dass ich die Ignoranz und Arroganz von einigen Ministern* und Ministerpräsidenten* unseres Landes nach meinen Bemühungen der letzten 8 Jahre nicht mehr ertrage, bezogen auf die Situation des Arbeitsmarktes (z.B. Vollzeit arbeiten und nicht davon leben können) und derjenigen, die aufgrund der Misere auf das Bürgergeld angewiesen sind. Unsere Politiker leben und regieren vermutlich zu weit weg von den Menschen, für die sie neue Gesetze erlassen.

Sollte ich dann nicht lieber den Ministern und Ministerpräsidenten direkt schreiben?

Ja. Wenn alle meine Stationen und Versuche hier aufgeschrieben sind, erhalten sie den Link zu „Erster Kaffee“.

Glaube ich tatsächlich, dass Politiker „Erster Kaffee“ lesen werden?

Ich habe keine Ahnung… eher nicht. Zumal: Sie WISSEN, dass in ihrem Land viele Menschen Vollzeit arbeiten und nicht davon leben können und die Hartz IV Gesetzgebung ohne einen Berufsschutz das alles möglich machte. Wenn ich aber hier nicht schreibe, bekommen sie erst gar nicht die Möglichkeit, sich weiter über die derzeitige Realität von Arbeitssuchenden zu informieren.

Wie kommt es, dass ich nach dieser langen Zeit immer noch keinen Job habe, von dem ich leben kann?

Was ich während der verschiedensten Anstellungen erlebt habe und dass mir oft nichts anderes übrig blieb, als zu kündigen, das werde ich hier schreiben.

Sollte ich nicht lieber weiter suchen und mich bemühen, anstatt hier zu schreiben?

Vergangene Woche hatte ich ein Telefongespräch mit meiner neuen Ansprechpartnerin im Jobcenter. Sie bedauerte, dass meine zweijährige Umschulung zum „Fachinformatiker für Systemintegration“ im August 2024 nicht beginnen konnte, nachdem ich mich ein halbes Jahr darum bemüht hatte (zwei Tests bestanden) und ich nun bis Januar 2025 keine Chance haben werde, einen Bildungsgutschein zu bekommen. Sie wünschte mir gutes Durchhalten im kommenden halben Jahr und sagte, dass sich in den nächsten Wochen oder Monaten eine neue Ansprechpartnerin bei mir melden wird, da sie für mich nicht mehr zuständig ist – Personalprobleme.

Was mich zudem beschäftigt: Es kann doch nicht sein, dass weiterhin Menschen nach einem Studium oder einer Berufsausbildung oder weiteren Qualifikationen und Berufserfahrungen zu irgendeiner Arbeit gezwungen werden, möglichst noch zum Mindestlohn und/oder als „Aufstocker“, als wenn sie nicht arbeiten möchten und faul wären. Ich meine: Habe ich irgendwie der Gesellschaft geschadet, mich nicht ausreichend bemüht oder eine kriminelle Handlung begangen, um so behandelt zu werden und eine Arbeit annehmen soll, von der ich nicht leben kann? In einem demokratischen und reichsten Land der Welt? Etwa, weil Politiker und Regierungen unfähig waren und sind, einen wertschätzenden Arbeitsmarkt zu erhalten?

Wir leben im Kapitalismus und kein Unternehmen würde sagen: „Das geht zwar nicht auf, wir machen keinen Gewinn, aber egal, wir machen trotzdem so weiter.“ Von den arbeitenden Menschen im Niedriglohnsektor und den Arbeitssuchenden in einem der reichsten Länder der Welt wird das von der Regierung gefordert.

Politiker, die daran festhalten, sollten dringend das Buch „Working Class – Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“ von Julia Friedrichs lesen.

Lesung mit Julia Friedrichs: „Working Class – Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“ (Lesung startet erst nach ca. 40 Sekunden)

Wenn Politiker und Regierungen weiter in unserem Land so ohne jegliche Wertschätzung mit Menschen umgehen, ist es absolut nachvollziehbar, dass wir zu wenig Psychotherapeuten haben und immer mehr Menschen arbeitsunfähig werden.

Nachtrag 10. Juli 2025

Eine sehr sehenswerte Doku von StudioRot

Meine Bemühungen, Stationen und Erfahrungen, die ich in den vergangenen 8 Jahren gemacht habe, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, werde ich hier mit den Lesern teilen.

  • 2016/17 Lehrkraft im Kinder- und Jugendschutz
  • 2017/18 Weiterbildung „Systemisches Coaching und Mediation“
  • 2018 Dozent für ein Bildungsinstitut (freiberuflich)
  • 2018 Verkäufer an einer Tankstelle
  • 2019 Mitarbeiter einer Kreishandwerkerschaft (Coaching, 5 Monate befristet zur Verstärkung)
  • 2021/22 Vertretungslehrkraft in einer Förderschule
  • 2022 Quereinstieg „Lehramt Sonderpädagogik“
  • 2022/23 Musikpädagoge an einem „renommierten Kulturhaus“ (Umschreibung)
  • 2023/24 Versuch, ein Einzelunternehmen zu gründen („Transportbegleitung für Schwer- und Großraumtransporte“, BF3)
  • 2024 Versuch, eine Umschulung zum „Fachinformatiker für Systemintegration“ zu beginnen

Auswahl weiterer Bewerbungen:

Zweimal bewarb ich mich als Hausmeister, einmal halbtags im Kindergarten einer Kirchengemeinde, in der ich auch ab und zu den Posaunenchor leitete. Nachmittags hätte ich dann weiter meine Schüler unterrichten können und so wäre es existenziell aufgegangen. Dort bekam ich sogar eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch. Die Stelle bekam ein Tischler, da demnächst Holzarbeiten im Kindergarten anstanden. 

  • im Verkauf (Wohnmobile)
  • in einer Werkstatt als Hilfskraft, die sich auf den Ausbau/Umbau von Bullis spezialisiert hat
  • erneute Bewerbungen im Kinder- und Jugendschutz
  • als BF3-Fahrer in einem Unternehmen für Spezialtransporte
  • Pädagogische Leitung einer Musikschule
  • Quereinstieg Lokführer bei der Deutschen Bahn (einjährige Ausbildung, zwei Bewerbungen – zwei (KI?)-Absagen)
  • als Fahrzeugaufbereiter in einem Autohaus (keine Antwort)

* Gender-Hinweis: Ich verwende das generische Maskulinum, um mir das Schreiben zu erleichtern. Alle verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich auf alle Geschlechter.